🎙️Profession Pflege: akademisiert, digitalisiert, rationalisiert … und irgendwann marginalisiert

🎙️Praxis Talk by diepartner.at „Akademisch gedacht. Praxisnah erklärt.“ von Gabriela Messner
Gedanken zum Internationalen Tag der Pflege | 12. Mai 2026

KI-generierte Audio-PostCast (erstellt mit NotebookLM)

Am 12. Mai erinnern wir an Florence Nightingale – und damit an den Beginn eines tiefgreifenden Wandels in der Geschichte der Pflege. Was 1820 mit ihrer Geburt begann, mündete in eine Bewegung, die das Pflegeverständnis bis heute prägt. Doch wie weit sind wir wirklich gekommen?

Von der Fürsorge zur Profession – ein historischer Blick

Pflege war über viele Jahrhunderte vor allem Fürsorge: geprägt durch religiöse Orden, familiäre Verpflichtungen oder einfache Hilfstätigkeiten. Systematische Ausbildung, wissenschaftliches Wissen und gesellschaftliche Anerkennung spielten lange Zeit kaum eine Rolle.

Erst Florence Nightingale veränderte im 19. Jahrhundert das Verständnis von Pflege grundlegend. Während des Krimkrieges (1853–1856) erkannte sie, dass gute Pflege weit mehr ist als bloĂźes „Helfen“. Hygiene, Beobachtung, Struktur, Statistik, Bildung und Verantwortung konnten ĂĽber Leben und Tod entscheiden – und sie machte dies mit konkreten Daten sichtbar (Nightingale, 1860/2007).

Nightingale verstand Pflege nie als bloße Unterstützung ärztlicher Tätigkeit. Sie sah sie als eigenständigen Bereich mit spezifischer Expertise, ethischer Verantwortung und gesellschaftlicher Bedeutung – und legte damit den Grundstein für das, was wir heute als Professionalisierung der Pflege bezeichnen (Weidner, 1995).

Pflege heute: professioneller denn je? Die Pflege hat sich seither erheblich weiterentwickelt. Sie wird akademisiert, digitalisiert, spezialisiert und standardisiert. Pflegepersonen arbeiten evidenzbasiert, koordinieren komplexe Versorgungsprozesse und ĂĽbernehmen erweiterte Kompetenzen.

Auch der rechtliche Rahmen spiegelt diesen Wandel wider: Das österreichische Gesundheits- und Krankenpflegegesetz (GuKG) hat Kompetenz- und Ausbildungsprofile mehrfach erweitert und die Pflege als eigenständige Gesundheitsprofession gestärkt (GuKG, BGBl. I Nr. 108/1997 idgF.).

Auf globaler Ebene hat die Weltgesundheitsorganisation im State of the World’s Nursing 2020 auf die zentrale Rolle der Pflege hingewiesen – und gleichzeitig einen weltweiten Mangel von rund sechs Millionen Pflegepersonen dokumentiert (WHO, 2020).

Auf den ersten Blick also: Pflege professioneller denn je.

Die irritierende Kehrseite: Deprofessionalisierung im Verborgenen

Doch gleichzeitig entsteht eine tiefe Spannung – denn parallel zur Professionalisierung erleben viele Pflegende Prozesse der Deprofessionalisierung.

Deprofessionalisierung zeigt sich nicht immer offen. Sie beginnt oft schleichend: wenn Zeit für Beziehung verloren geht, wenn ökonomische Vorgaben fachliche Entscheidungen dominieren, wenn Pflege auf dokumentierbare Tätigkeiten reduziert wird, wenn standardisierte Abläufe wichtiger werden als professionelle Urteilsfähigkeit – oder wenn hochqualifizierte Pflegepersonen immer weniger Gestaltungsspielräume erleben.

Pflege wird dann zwar komplexer organisiert – aber nicht unbedingt professioneller erlebt.

Der Soziologe Eliot Freidson (2001) beschrieb, dass eine echte Profession mehr braucht als Wissen und Ausbildung: Sie braucht Autonomie, gesellschaftliche Legitimation und die Kontrolle über das eigene Handlungsfeld. Dort, wo diese Elemente systematisch eingeschränkt werden, spricht man zu Recht von Deprofessionalisierung – auch wenn die äußeren Merkmale einer Profession weiter bestehen.

Schaeffer (2011) weist darauf hin, dass die Pflege zwar formale Professionalisierungsschritte unternommen hat, strukturelle Barrieren wie mangelnde Autonomie, fehlende Ressourcen und geringe gesellschaftliche Anerkennung den Professionsanspruch jedoch weiterhin untergraben.

Der Widerspruch unserer Zeit: Pflegepersonen sollen hochqualifiziert, flexibel, digital kompetent und wissenschaftlich handeln – erhalten aber häufig nicht jene Autonomie, Anerkennung und Ressourcen, die eine echte Profession auszeichnen.

Der International Council of Nurses formuliert es klar: Pflege kann ihre gesellschaftliche Rolle nur dann vollständig ausfüllen, wenn Pflegende in Entscheidungsprozesse eingebunden werden, faire Arbeitsbedingungen vorfinden und ihr Wissen tatsächlich zum Tragen kommt (ICN, 2023).

Die zentrale Frage lautet daher nicht nur: Wie kann Pflege weiter professionalisiert werden? Sondern auch: Wie verhindern wir gleichzeitig ihre Deprofessionalisierung?

Was eine Profession wirklich braucht

Professionalisierung bedeutet mehr als Akademisierung allein. Eine Profession braucht (Stichweh, 1996; Freidson, 2001): fachliche Eigenständigkeit, gesellschaftliche Anerkennung – nicht nur in Worten, sondern in Strukturen und Ressourcen –, ethische Reflexion als Kern professionellen Handelns, wissenschaftliche Fundierung als Grundlage von Qualität, und die Möglichkeit, Verantwortung tatsächlich auszuüben – nicht nur formal, sondern real.

Wo Pflege nur noch funktioniert, statt gestalten zu können, verliert sie einen wesentlichen Teil ihrer Professionalität.

Was wĂĽrde Florence Nightingale heute fragen?

Vielleicht würde sie nicht nur nach neuen Technologien fragen. Vielleicht würde sie fragen: Haben Pflegende noch Zeit für Menschen? Wird ihre Expertise ernst genommen? Können sie professionell entscheiden? Oder werden sie zunehmend zu Ausführenden eines ökonomisierten Systems?

Der Internationale Tag der Pflege darf kein reiner Dankes- und Feiertagsdiskurs sein. Wertschätzung ist wichtig – aber sie allein verändert keine Strukturen.

Pflege ist eine Profession – und ihre Zukunft ist eine gesellschaftliche Frage

Pflege verliert ihre Professionalität nicht dadurch, dass sie menschlich bleibt. Sie verliert sie dort, wo Menschlichkeit, Beziehung und professionelle Urteilskraft systematisch verdrängt werden.

Pflege ist keine bloße Funktion im Gesundheitssystem. Pflege ist eine Profession. Und ihre Zukunft entscheidet sich daran, ob Gesellschaften bereit sind, genau das auch wirklich anzuerkennen – in Bildung, in Strukturen, in Ressourcen, und in Haltung.

Literatur

Freidson, E. (2001). Professionalism: The Third Logic. University of Chicago Press.

Gesundheits- und Krankenpflegegesetz (GuKG), BGBl. I Nr. 108/1997 idgF. https://www.ris.bka.gv.at

International Council of Nurses (ICN). (2023). The ICN Code of Ethics for Nurses. https://www.icn.ch

Nightingale, F. (2007). Notes on Nursing: What It Is, and What It Is Not. Cosimo Classics. (Originalwerk erschienen 1860). ISBN 978-1-602063-61-7.

Schaeffer, D. (2011). Professionalisierung der Pflege – Verheißungen und Wirklichkeit. Gesundheits- und Sozialpolitik, 65(5–6), 30–37.

Stichweh, R. (1996). Professionen in einer funktional differenzierten Gesellschaft. In A. Combe & W. Helsper (Hrsg.), Pädagogische Professionalität (S. 49–69). Suhrkamp.

WHO. (2020). State of the World’s Nursing 2020. https://www.who.int/publications/i/item/9789240003279

Weidner, F. (1995). Professionelle Pflegepraxis und Gesundheitsförderung. Mabuse-Verlag.

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